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Kinder passen nicht in Schubladen

Warum ich Kinder nicht auf Diagnosen reduziere

Eltern stellen sich viele Fragen.

Hat mein Kind ADHS?
Ist mein Kind hochbegabt?
Warum ist mein Kind so schĂĽchtern?
Ist mein Kind mediensĂĽchtig?
Warum hat mein Kind Angst vor Fehlern?

Hinter jeder dieser Fragen steht der Wunsch, das eigene Kind besser zu verstehen.

Diagnosen und wissenschaftliche Erkenntnisse können dabei helfen. Sie können Orientierung geben, Zusammenhänge erklären und Familien unterstützen. Deshalb haben sie ihren berechtigten Platz.

Und dennoch beginne ich als Pädagogin an einer anderen Stelle.
Ich beginne beim Kind.

Ich möchte wissen, wer dieses Kind ist

Jedes Kind ist einzigartig.

Nicht nur in seinen Fähigkeiten oder Schwierigkeiten, sondern in der ganz eigenen Mischung aus Interessen, Erfahrungen, Begabungen, Eigenheiten, Gefühlen, Ideen und der Art, wie es die Welt wahrnimmt.
Zwei hochbegabte Kinder können völlig verschieden sein.
Zwei Kinder mit ADHS ebenso.
Zwei schüchterne Kinder können aus ganz unterschiedlichen Gründen still sein und ganz unterschiedliche Dinge brauchen.
Eine Bezeichnung kann uns deshalb etwas ĂĽber ein Kind sagen. Aber niemals alles.
Mich interessiert das, was dieses eine Kind ausmacht.
Was begeistert es?
Welche Fragen stellt es?
Was fällt ihm leicht?
Woran verzweifelt es?
Worauf ist es stolz?
Wo braucht es Ermutigung?
Was ist vielleicht so selbstverständlich für dieses Kind, dass wir Erwachsenen gar nicht bemerken, welche Fähigkeit darin steckt?
Ich möchte verstehen, wie dieses Kind die Welt sieht.
Denn genau dort beginnt für mich Pädagogik. Nicht bei einem Begriff oder einer Diagnose, sondern bei dem Menschen, der vor mir steht.

Kein Kind ist nur hochbegabt.
Kein Kind hat nur ADHS.
Kein Kind ist nur schĂĽchtern oder perfektionistisch.

Und kein Kind ist mit einem anderen Kind austauschbar, nur weil auf beide dieselbe Beschreibung zutrifft.

Eine Schublade sortiert Gemeinsamkeiten. Aber sie kann niemals die Einzigartigkeit eines Kindes abbilden.

Sehen wir auch, was ein Kind kann?

Wir Erwachsenen sprechen viel darĂĽber, woran ein Kind noch arbeiten sollte, was es noch lernen muss und wo es Schwierigkeiten hat.

Dabei gibt es so viel mehr zu sehen.

Was kann dieses Kind?

WofĂĽr begeistert es sich?

Wann vergisst es die Zeit?

Welche Ideen hat es?

Was gelingt ihm ganz selbstverständlich?

Und was trauen wir ihm vielleicht noch gar nicht zu?

Vielleicht ist das Kind, das ständig dazwischenredet, voller Ideen und Begeisterung.

Vielleicht nimmt das Kind, das sich kaum zu Wort meldet, Dinge wahr, die anderen entgehen.

Vielleicht steckt hinter vermeintlicher Sturheit Beharrlichkeit, hinter Empfindsamkeit ein feines GespĂĽr oder hinter tausend Fragen eine Neugier, die noch lange nicht gestillt ist.

Aber auch hier sollten wir vorsichtig sein: Nicht jede vermeintliche Schwäche braucht eine positive Kehrseite. Ein schüchternes Kind muss nicht besonders einfühlsam sein und ein Kind mit ADHS nicht besonders kreativ.

Auch das wären wieder Schubladen – nur positiv gemeinte.

Es geht um etwas anderes:

Neugierig auf dieses eine Kind zu bleiben.

Kinder bestehen nicht aus einer Sammlung von Schwachstellen, an denen Erwachsene arbeiten mĂĽssen.

Sie bringen Fähigkeiten, Interessen, Ideen, Eigenheiten und Stärken mit. Manche davon sehen wir sofort. Andere zeigen sich vielleicht erst, wenn ein Kind den Raum bekommt, sie zu entdecken.

Wer bestimmt eigentlich, was „zu“ ist?

Was wir in einem Kind sehen, hängt aber nicht nur vom Kind selbst ab.

Es hängt auch von uns ab.

Von unseren Erwartungen, unseren Erfahrungen und unseren Vorstellungen davon, wie ein Kind sein sollte.

Das zeigt sich schon in einem kleinen Wort, das wir Erwachsenen erstaunlich häufig benutzen:

„zu“.

Zu laut.
Zu verträumt.
Zu langsam.
Zu unruhig.
Zu schĂĽchtern.
Zu empfindlich.

Aber wer bestimmt eigentlich, was „zu“ bedeutet?

Zu laut – für wen?

Zu langsam – gemessen woran?

Zu unruhig – in welcher Situation?

Zu empfindlich – nach wessen Maßstab?

Was den einen Erwachsenen stört, nimmt ein anderer vielleicht kaum wahr. Was der eine als anstrengend empfindet, erlebt ein anderer als lebendig. Wo der eine Unruhe sieht, sieht ein anderer Tatendrang. Wo der eine ein Kind als zu still empfindet, lässt ihm ein anderer einfach die Zeit, die es braucht.

In jedem „zu“ stecken auch unsere eigenen Vorstellungen davon, wie ein Kind sein sollte.

Unsere Erwartungen. Unsere Erfahrungen. Unsere Werte. Und auch unsere persönlichen Grenzen.

Das bedeutet nicht, dass jedes Verhalten akzeptiert werden muss. Kinder brauchen Grenzen und mĂĽssen lernen, dass ihr Verhalten Auswirkungen auf andere Menschen hat.

Aber es macht einen groĂźen Unterschied, ob ein Kind lernt:

„Dieses Verhalten funktioniert in dieser Situation nicht.“

oder ob bei ihm ankommt:

„So, wie ich bin, bin ich nicht richtig.“

Vielleicht sollten wir deshalb manchmal nicht zuerst das Kind hinterfragen, sondern unseren eigenen Blick:

Ist das wirklich ein Problem – oder entspricht dieses Kind nur nicht meiner Vorstellung davon, wie es sein sollte?

Verhalten ist nicht Persönlichkeit

Unser Blick auf ein Kind bleibt nicht ohne Folgen.

Wenn ein Kind vor allem hört, woran es noch arbeiten muss, kann irgendwann der Eindruck entstehen:

Mit mir stimmt etwas nicht.

Wenn es häufig erlebt, dass es zu laut, zu wild, zu langsam, zu empfindlich oder einfach irgendwie „zu viel“ ist, beginnt es vielleicht irgendwann, sich selbst zu korrigieren.

Nicht nur sein Verhalten.

Sondern sich selbst.

Es wird vorsichtiger. Hält Ideen zurück. Probiert weniger aus. Fragt sich zuerst, was andere von ihm erwarten, bevor es sich fragt, was es selbst denkt.

Und irgendwann traut es sich womöglich immer weniger.

Nicht weil es nichts könnte.

Sondern weil es gelernt hat:

„So, wie ich es machen würde, ist es wahrscheinlich falsch.“

Ähnliches kann passieren, wenn eine Diagnose oder Zuschreibung immer stärker zum Teil der eigenen Identität wird.

„Du bist eben hochbegabt.“

„Du hast ADHS.“

„Du bist schüchtern.“

„Du bist perfektionistisch.“

Aus einer Beschreibung kann dann langsam ein:

„So bin ich eben. Daran kann ich nichts ändern.“

werden.

Was unser Blick bewirken kann

Ich glaube, dass Kinder wachsen können.

Nicht, weil Schwierigkeiten plötzlich verschwinden. Nicht, weil Besonderheiten wegtrainiert werden müssen. Und auch nicht, weil Kinder irgendwann unseren Vorstellungen entsprechen sollten.

Sondern weil Entwicklung möglich ist.

Dafür brauchen Kinder Erwachsene, die Schwierigkeiten sehen, ohne darüber die Fähigkeiten zu übersehen. Die Grenzen setzen, ohne die Persönlichkeit des Kindes abzuwerten. Und die nicht nur danach fragen, was ein Kind verändern sollte, sondern auch danach, was bereits in ihm steckt.

Kinder brauchen die Erfahrung:

Jemand traut mir etwas zu.

Jemand sieht, was ich kann.

Ich darf ausprobieren und dabei auch Fehler machen.

Vielleicht ist deshalb eine der wichtigsten Fragen, die wir Erwachsenen uns stellen können, nicht:

„Was wird aus diesem Kind einmal werden?“

Sondern:

„Was braucht dieses Kind heute, um seinen nächsten Schritt gehen zu können?“

Kinder entwickeln sich nicht geradlinig und nicht ohne Rückschläge. Und vielleicht entwickeln sie sich auch nicht zu dem Menschen, den wir Erwachsenen uns einmal vorgestellt haben.

Sondern immer mehr zu sich selbst.

Vielleicht ist das eine unserer wichtigsten Aufgaben:

Kinder nicht in Schubladen einzuordnen.

Nicht ständig an dem herumzuarbeiten, was vermeintlich nicht richtig ist.

Nicht aus jedem Anderssein ein „zu“ zu machen.

Sondern genau hinzuschauen. Stärken wahrzunehmen. Möglichkeiten zu sehen. Grenzen zu setzen, wo sie notwendig sind. Und Kindern zuzutrauen, ihren eigenen Weg zu finden.

Denn ich wünsche mir, dass Kinder zu Erwachsenen heranwachsen, die nicht ständig überlegen:

„Bin ich so richtig?“

Sondern die sich selbst kennen, Verantwortung für ihr Leben übernehmen und sagen können:

„Ich bin gut so, wie ich bin – und ich kann mich weiterentwickeln.“

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